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Martin Plewa

...leitet die Westfälische Reit- und Fahrschule

Nachstehender Artikel ist "Reiter & Pferde in Westfalen 1/2007" entnommen

Mit Leib und Seele vielseitig

Im November 2006 wurde Martin Plewa, Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule, mit dem Titel „Reitmeister“ geehrt. Zeit für „Reiter und Pferde in Westfalen“, den unermüdlichen Kämpfer für einen pferdegerechten Sport einmal näher vorzustellen.

Routine scheint für Martin Plewa eine Horrorvorstellung zu sein. Allein der Gedanke, sich seinem Pensum stellen zu müssen – Martin Plewa ist Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule, Vorsitzender des Ausschusses Ausbildung im Provinzial-Verband, westfälischer Delegierter des Bundesberufsreiterverbandes, internationaler Richter, technischer Delegierter, Buchautor, vielbeschäftigter Referent bei Fachveranstaltungen und aktiver Reiter und Ausbilder – ließe manch anderem den Schweiß auf die Stirn treten. Nicht so Plewa, dem es sichtlich Vergnügen bereitet, von seinen vielfältigen Aktivitäten zu erzählen. Auch reiterlich war die Einseitigkeit nie sein Ding. „Ich hatte das Glück, von Anfang an an alle Disziplinen des Reitsports herangeführt zu werden. Das hatte mit meinen Ausbildern zu tun, aber auch mit den Lebensumständen damals: es war normal, dass man zur Reitstunde auch 20 km ritt.“

Mit der Ernennung zum Reitmeister durch die FN hatte Plewa aber nach eigener Aussage zum jetzigen (November 2006) Zeitpunkt nicht gerechnet. „Es gab vor ein paar Jahren schon einmal das Gerücht, doch ehrlich gesagt, habe ich schon wegen meines Alters keinen weiteren Gedanken an diese Möglichkeit verschwendet“, so seine Erklärung. Mit 56 Jahren ist Martin Plewa in der Tat recht jung für den Titel, den beispielsweise George Theodorescu und Dr. Uwe Schulten Baumer erst mit80 bzw. 79 Jahren verliehen bekommen hatten.

Vorbilder alter Schule

Seine reiterliche Grundausbildung erhielt Martin Plewa vom Vater, der im Krieg bei der berittenen Artillerie gedient hatte. Auf der benachbarten Deckstation in Vreden ritt der junge Plewa zusammen mit Hendrik Schulze-Siehoff, der in den 1970er-Jahren ein erfolgreicher Springreiter war, bei Obersattelmeister Erich Philipp. „Er und mein Vater waren aus dem gleichen Holz. Sie hatten beide eine Ausbildung der Kavallerieschule Hannover, die sie an uns weitergaben. Wir lernten von Kindesbeinen den Umgang mit Pferden, ihre Haltungsansprüche und das vielseitige Reiten kennen.“ Während der Studien- und Militärzeit ritt Martin Plewa bei Oberst Winkel, der zeitweilig Leiter der Deutschen Reitschule in Warendorf war, bei Oberst Brinkmann, der der erste Bundestrainer der deutschen Springreiter wurde, und seit seiner Berufung in den Vielseitigkeitskader beim damaligen Bundestrainer dieser Disziplin, Max Habel. Hin und wieder wurde Martin Plewa auch von Paul Stecken, seinem Amtsvorgänger als Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule, unterrichtet, denn Stecken wählte die Reiter für die Jugendmeisterschaften aus. Mit der westfälischen Stute Pergola von Pluchino xx, einem Pferd, das Stecken ausgesucht hatte, erritt Martin Plewa früh Erfolge in der Vielseitigkeit. „Das hilft, denn so bekommt man Pferde zur Verfügung gestellt. Das wiederum bringt einen weiter“, ist der Allrounder Plewa überzeugt.

Beruflich orientierte sich Martin Plewa zuerst in Richtung Lehramt. Er studierte in Münster Mineralogie und Pädagogik, legte das zweite Staatsexamen ab und arbeitete von 1978 bis 1985 als Chemielehrer an einem Gymnasium in Versmold. Doch mit ganzem Herzen war er nur bei der Reiterei: schon sehr früh, von 1971 bis 1976 war Martin Plewa Landestrainer Vielseitigkeit. 1980 absolvierte er seine Prüfung zum Pferdewirtschaftsmeister und arbeitete nebenher als Reitlehrer, bevor er 1985 dem Gymnasium endgültig Lebewohl sagte und sein Amt als Bundestrainer der Vielseitigkeitsreiter aufnahm.

Für diesen Posten qualifizierte sich Martin Plewa aber nicht nur durch seine profunden Kenntnisse als Reitlehrer und Ausbilder von Pferden, sondern auch durch seine Erfolge bei Deutschen-, Europa- und Weltmeisterschaften zwischen 1964 und 1982. Dabei war Martin Plewa nicht nur im Vielseitigkeitssattel unterwegs. In seiner Juniorenzeit startete er hauptsächlich bei den Deutschen Meisterschaften in Springen und Dressur, nur einmal war er auch in der Vielseitigkeit dabei.

„Wir dürfen das Pferd nicht vermenschlichen, wir müssen uns verpferdlichen.“

16 Jahre stand der in Warendorf lebende vierfache Familienvater der deutschen Equipe als Trainer zur Seite. In dieser Zeit erreichte die Mannschaft zahlreiche Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften und bei Olympischen Spielen. „Das schönste und unvergessliche Erlebnis war aber der Gewinn der Mannschaftsgoldmedaille 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul“, erinnert sich Martin Plewa. „Dieses Gold war etwas ganz besonderes,bdenn die letzte Goldmedaille hatten die deutschen Vielseitigkeitsreiter 52 Jahre zuvor bei der Olympiade 1936 in Berlin gewonnen, und wir beendeten damit eine lange Durststrecke“, so Plewa. Zu der historischen Mannschaft von Seoul gehörten Thies Kaspareit, Mathias Baumann, Ralf Ehrenbrink und Claus Erhorn.

1996 zog sich Martin Plewa aus dem Bundestraineramt zurück. „Ich hätte gerne noch eine weitere Periode als Bundestrainer gearbeitet, doch die Entscheidung aufzuhören war richtig. Es hätte sonst irgendwann gekracht“, gibt der Chef der Westfälischen Reit- und Fahrschule zu. Gelegen hat es an der grundsätzlichen Auffassung darüber, wie eine Disziplin, auch organisatorisch, zu führen sei. „Der neue Ausschussvorsitzende im DOKR hatte ganz andere Ansichten zur Vielseitigkeit als ich, das war nicht überein zu bringen“, erklärt Martin Plewa seine Rückzugsgründe.
Doch die Erfahrungen, die er in 16 Jahren als Bundestrainer, internationaler Richter und Parcoursbauer weltweit sammeln konnte, die bleiben. „Es machte Spaß, zu schauen, was in anderen Ländern so getan wurde, wie trainiert, wie Kurse aufgebaut wurden, Erfahrungen auszutauschen, einfach seinen Horizont zu erweitern. Diese Rundumerfahrung ist ein Glücksfall“, ist der Experte noch heute begeistert.
Nachdem die Entscheidung, als Bundestrainer aufzuhören, gefallen war, überlegte Martin Plewa nur ganz kurz, sich selbständig zu machen. „Ein eigener Betrieb nimmt einen völlig in Anspruch, man muss vor Ort sein, täglich selbst mit Hand anlegen. Doch die Vielseitigkeit bleibt auf der Strecke“, sagt der Unermüdliche mit einem schlauen Lächeln. Zumindest Vielseitigkeit à la Plewa: Unterrichten und Pferde ausbilden sind nur ein Teil seiner Leidenschaft. Er möchte auch am großen Ganzen mitwirken: den Sport von der konzeptionellen Seite mitgestalten.
Da passte das Angebot, die Nachfolge von Michael Putz an der Westfälischen Reit- und Fahrschule anzutreten, genau. Hier ist er nicht nur Reitlehrer, sondern auch Multiplikator auf höchster Ebene: Amateurausbilder kommen ebenso wie angehende Pferdewirte und Pferdewirtschaftsmeister in „die Schule“ wie sie in Westfalen liebevoll genannt wird, um sich dort ausbilden zu lassen. „Man muss auch sagen, dass die Westfälische Reit- und Fahrschule unter den Landes- Reit- und Fahrschulen ein besonderes Renomeé besitzt. Paul Stecken und auch Michael Putz haben hier Maßstäbe gesetzt“, ist Martin Plewa stolz auf die hohen Ansprüche, die an ihn und seine Institution gestellt werden.
Mit seinen Möglichkeiten an der Schule ist Martin Plewa „ganz zufrieden“. Doch er wäre nicht Martin Plewa, wenn er nicht noch Entwicklungspotential sehen würde: „Die Integration der Schule in den Provinzial-Verband ist besser geworden. Die Verzahnung sollte jedoch noch stärker erfolgen. Um mehr Akzeptanz der Schule in den Kreisreiterverbänden zu erreichen, muss die Schule in die Vereine gehen. Das kann durchaus auf Kreisreiterverbandsebene passieren. Bisher ist es so, dass die KRV zu uns nach Münster kommen. Es gab jedoch schon einen Versuch mit dem KRV Coes-feld. Das war ermutigend. Ich stelle mir vor, dass wir z. B. Seminare zur Jungpferdeausbildung, zur Springausbildung oder zur Unterrichtserteilung anbieten könnten. Zwar stehen uns im Moment noch nicht genügend Lehrkräfte zur Verfügung, doch hat Westfalen ein so großes Potenzial, dass wir dieses Problem sicher lösen könnten“, skizziert Martin Plewa seine Idee.
Die Ausstattung der Schule selbst lässt laut ihrem Chef kaum Wünsche offen: zwei Hallen, Außenplätze, Ovalbahn, Grasparcours, Geländestrecke und Weiden bieten optimale Haltungs- und Trainingsbedingungen. Als schwieriger beurteilt Plewa das Thema „Schulpferde“. „Weil wir hier viele weit fortgeschrittene Reiter fördern, brauchen wir auch sehr gut ausgebildete Pferde. M-Niveau ist das Minimum, besser sie gehen S“, gibt Plewa zu bedenken. An solche Pferde ist aber nur schwer heranzukommen. Findet er ein geeignetes, dann scheitert es oft am Preis. „Zum Glück werden uns hin und wieder Pferde von ehemaligen Schülern zur Verfügung gestellt oder zum Kauf angeboten. So hat sich ein richtiges Netzwerk entwickelt und ich habe erst mal ein paar Anlaufstellen, wenn ich wieder auf der Suche nach einem Pferd bin“, beschreibt der Schulleiter die aufwändige Prozedur.Selbst steigt der Meister auch regelmäßig in den Sattel. Meistens sind es Berittpferde, mit denen er arbeitet, doch auch das ein oder andere Schulpferd wird hin und wieder vom Chef persönlich an seine Pflichten erinnert.

Martin Plewa privat

Familiär vorbelastet und selber gründlich vom Pferdevirus durchseucht lag es nah, dass Martin Plewa auch eine pferdebegeisterte Frau heiratete. Sie heißt Gabriele und ritt seinerzeit „alles“ beiHauptsattelmeister Franz Kukuk in Warendorf. Die Plewas bekamen vier Kinder: die beiden älteren Töchter Ann-Christin und Carolin ritten früher mehr oder weniger ambinioniert, die beiden jüngeren Kinder, Kathrin und Philipp haben dagegen „mit Pferden nichts am Hut“. Mittlerweile sind die drei Töchter aus dem Haus, und Martin Plewa hat ihre Pferde behalten. Mit zwei Stuten hat er mittlerweile sieben Fohlen gezogen. „Die Vollblutstute hatte vier Fohlen, von denen es zwei bis zum Bundeschampionat des Vielseitigkeitspferdes geschafft haben“, berichtet der Züchter von seinen Erfolgen. Ebenfalls zur Familie gehört ein altes, über 30-jähriges Pony.Sein Lieblingspferd ist und bleibt aber die von Paul Stecken ausgesuchte Stute Virginia, ein 1,59 m kleines, unrittiges Biest. Von Helmuth Grimm ausgebildet kam die Stute schließlich zum DOKR und in Martin Plewas Hände. „Sie war charakterlich schwierig, ihre Springmanier war schlecht, aber mit mir ging sie. Und von oben konnte ich den schlechten Springstil ja nicht sehen“, grinst Plewa. Zur größten Überraschung ritt das eigenwillige Paar allerhand Erfolge zusammen, darunter ein sechster Platz bei der EM 1973 in Kiew und ein dritter Platz mit der Mannschaft 1974 in Burghley. „Es ist schon so, dass man die Pferde, die etwas eigenwillig sind, besonders ins Herz schließt. Und es schmeichelte mir auch, dass ich es war, der Virginia ,knacken‘ konnte“, verrät der 56-Jährige.
Eine große Familie, Pferde, vielfältige berufliche Herausforderungen – da bleibt für Hobbies nur ein sehr überschaubarer Zeitrahmen. „Wenn ich dazu komme, dann höre ich klassische Musik und lese – zugegebenermaßen fast immer Fachliteratur. Besonders die antiquarischen Titel haben es mir angetan“, erzählt Plewa. Auch am Klavier versucht sich der Reitmeister manchmal noch.
Eindeutige Leidenschaft ist aber nach wie vor das Reisen, vielleicht ein Relikt aus seinen Zeiten als Bundestrainer. „Wir brechen morgen nach Australien auf, wo unsere zweitälteste Tochter lebt. Das ist ein Traum von uns, für den wir sogar gespart haben: Weihnachten mit der ganzen Familie in Australien zu feiern! Australien ist ein Traumland. Unsere dritte Tochter überlegt auch schon, ob sie nicht auswandern soll“, verrät der Vater, fügt aber hastig hinzu, dass er nicht überlege, nach Australien auszuwandern. „Solange der Vorstand es will, werde ich Leiter der Schule bleiben“, versichert Martin Plewa.
Die Kontakte nach Australien stammten aus einer weiteren, bisher ungenannten Aktivität des Rastlosen: In seiner mittlerweile abgelegten Funktion als Körkommissar des Trakehnerverbandes war er seinerzeit in Australien zu Hengstbesichtigungen und zu Leistungsprüfungen für dort gezüchtete Trakehner gereist.
Auch wenn Martin Plewa oft offene Kritik an Ausbildungsmethoden und Auswüchsen des Turniersports übt, so ist er doch weder pessimistisch noch resigniert. „Es ist auf keinen Fall so, dass früher alles besser war. Ich habe auch Fehler gemacht. Wichtig ist nur, dass es jemanden gibt, der weiß, wie es richtig geht, der hilft“, so Plewa. Die Bedürfnisse des Flucht- und Steppentiers kippten im modernen Sport oft hinter über. Missstände aufzuzeigen bedürfe allerdings der Fachkenntnis und auch Muts. Beides glaubt der Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule zu besitzen. „Ich werde auch weiterhin meine Meinung sagen“, verspricht Plewa. Dem Turniersport komme bei aller Kritik eine wichtige Rolle als Regulativ zu: Er schafft Öffentlichkeit. „Jeder Reiter, der sich auf dem Turnier zeigt, setzt sich der Meinung und Betrachtung aller aus. Das ist wichtig und richtig. Viel schlimmer ist der, der hinter verschlossenen Türen eine nicht pferdegerechte Reiterei betreibt. Da besteht keine Chance für eine Korrektur“, wirft der Meister mit Seitenblick auf die Auswüchse in der „Hobbyszene“ ein.
Am Ende des Gesprächs ist eins klar: der deutsche Reitsport darf sich auch in Zukunft auf kenntnisreiche und scharfsinnige Analysen des Leiters der Westfälischen Reit- und Fahrschule und Reitmeisters Martin Plewa freuen! Alexandra González





Martin Plewa: Sportliche Erfolge

• Teilnahme an den Deutschen Juniorenmeisterschaften zwischen 1964 und 1968 in allen Disziplinen, ein dritter Platz in der Dressur und ein dritter Platz im Springen
• Seit 1969 als „Senior“ im Vielseitigkeitskader, während dieser Zeit ein zweiter Platz bei den Deutschen Meisterschaften, ein sechster Platz in der Einzelwertung bei der EM 1973 in Kiew und ein dritter Platz mit der Mannschaft bei der WM 1974 in Burghley, Teilnahme an der EM 1975 in Luhmühlen und an der WM 1982 in Luhmühlen

Erfolge als Bundestrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter

1985 und 1987 EM-Bronze- und Silbermedaille mit der Mannschaft und eine Bronzemedaille in der Einzelwertung
1990 in Stockholm und 1994 in Den Haag WM-Bronzemedaille mit der Mannschaft
1988 olympische Goldmedaille mit der Mannschaft in Seoul
1992 olympische Bronzemedaille in der Mannschaftswertung und Silbermedaille in der Einzelwertung in Barcelona durch Herbert Blöcker.

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